Ausverkauf der Thüringer Identität oder nur ein „Schusselfehler“?

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In Thüringen ist ein Streit entbrannt: Soll die Verantwortung für die wichtigsten Kulturgüter unseres Freistaats von Halle aus verwaltet werden oder bestimmen die Thüringer selbst über ihre Schlösser und Gärten? Thüringen ist ein besonderes Bundesland, denn die Gründung des Freistaats am 1. Mai 1920 ist die Geburtsstunde der gemeinsamen Staatlichkeit. Seit dem 14. Jahrhundert war die damalige Landgrafenschaft Thüringen in immer mehr kleine und kleinste Territorien zersplittert. Voraussetzung für die späte Wiedervereinigung Thüringens war dabei die Abdankung der Fürsten und Herzöge. Sie lehnten einen Zusammenschluss stets ab. Der Freistaat Thüringen ist demzufolge eine Gründung des Bürgertums, das seine gemeinsame Identität auch in den jeweiligen Fürsten- und Herzogtümern offenkundig nie vollständig aufgegeben hatte. Geblieben aus dieser Zeit der Kleinstaaterei ist eine einzigartige Residenzkultur. Jede Region hat ihre Burgen, Schlösser, Adelssitze – 585 insgesamt. „Sie machen Thüringen zu einem Land der Residenzen. Sie sind Teil unserer Identität“, so der kultur-politische Sprecher der CDU-Land-tagsfraktion, Jörg Kellner.

Hinter verschlossenen Türen verhandelte die rot-rot-grüne Minderheitsregierung einen Staatsvertrag zum Aufbau einer gemeinsamen neuen Mitteldeutschen Kulturstiftung. Kern des Vorschlages ist es, die wichtigsten Schlösser und Burgen Thüringens aus der Hand zu geben: Schloss Friedenstein in Gotha, Schloss Heidecks-burg in Rudolstadt, die Dornburger Schlösser, aber etwa auch die Veste Heldburg oder Schloss Wilhelmsthal im Wartburgkreis – insgesamt 31 Objekte sollten nach dem Willen der rot-rot-grünen Minderheitsregierung in die neue Stiftung eingebracht werden. Früh in den Verhandlungen erklärte sich die Thüringer Staatskanzlei bereit, den alleinigen Stiftungssitz nach Halle/Saale zu verlegen. Die erfolgreich arbeitende Stiftung „Thüringer Schlösser und Gärten“ in Rudolstadt soll aufgelöst werden. Thüringens historisches Erbe ginge damit in fremde Hände über. Wichtige Entscheidungen zu Personal oder Sanierungen würden künftig in Sachsen-Anhalt getroffen werden. Die rot-rot-grüne Minderheitsregierung bezeichnete diesen Beinahe-Ausverkauf der Thüringer Identität als „Schusselfehler“.

„Die Verhandlungen der Landesre-gierung zum Staatsvertrag gefährden unsere einzigartige Residenzkultur“, kritisiert Jörg Kellner. Kommt die gemeinsame Stiftung mit Sachsen-Anhalt und dem Bund, würde Thüringen im Stiftungsrat jedes Mal überstimmt werden können. „Wir als CDU-Fraktion werden dem nicht zustimmen“, sagt Kellner: „Dabei wissen wir unsere kommunalen Partner an unserer Seite. Zuletzt haben Bad Liebensteins Bürgermeister Dr.  Michael Brodführer und der Landrat des Wartburgkreises, Reinhard Krebs, die rot-rot-grünen

Pläne als falsche Weichenstellung und historischen Fehler bezeichnet. Bereits vor einem Jahr erreichte Thüringen und Sachsen-Anhalt die an sich frohe Botschaft, der Bund wolle beiden Ländern jeweils 100 Millionen Euro für die Sanierung ihrer Adelssitze, Burgen und Schlösser zukommen lassen. Das Geld wird dringend gebraucht, weil in beiden Ländern aufgrund der Fülle von (kunst-)historisch bedeutenden Baudenkmälern das Geld für deren Erhalt knapp ist. Die CDU will die Verhandlungen über den Staatsvertrag neu starten. Ziel ist es, dass die Gelder des Bundes über eine einfache Förderstiftung direkt in Thüringen ankommen und spätestens im kommenden Jahr ausgezahlt werden. Sie soll – bürokratiearm und im Aufbau schlank –  nichts anderes entscheiden, als die Gelder an die Länder zu überweisen. Davon losgelöst setzt sich die CDU-Fraktion laut Kellner weiter dafür ein, dass der Bund auch einen Teil der für die Kommunen oft nur schwer aufzubringenden Betriebskosten der Schlösser und Gärten übernimmt.