Mohring trifft: Lehrerverbands-Chef Rolf Busch

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Herr Busch, in den nächsten fünf Jahren gehen rund ein Viertel der Thüringer Lehrer in den Ruhestand. Wie dramatisch ist die Personalsituation an den Schulen wirklich?

Rolf Busch: 

Die Personalsituation ist miserabel. Problem Nummer 1 ist die Überalterung, dazu kommen die zu geringen Einstellungen. Der Unterrichtsausfall nimmt zu, das weiß jeder, auch wenn das Ministerium anderes behauptet. Insofern brauchen wir dringend mehr Einstellungen und attraktivere Einstellungsbedingungen. Es kann nicht sein, dass jeder, der die Uni verlässt, zwangläufig eine Warteschleife von einem halben Jahr dreht. Das ist ein organisatorisches Problem, das gelöst werden muss.

Mike Mohring: 

Manche ausgebildete Lehramtsanwärter müssen im Supermarkt Regale einräumen, weil es einfach keine Einstellungstermine gibt. Das demotiviert und treibt die Leute aus dem Land heraus. Eine Möglichkeit ist, Bewerbungen mit Zwischenzeugnissen zuzulassen. Damit die Zusage aus Thüringen nicht erst kurz vor Schuljahresbeginn kommt, während die Zusagen aus anderen Bundesländern schon im März auf dem Küchentisch liegen.

Busch: 

Man schiebt es auf die Autonomie der Universitäten und sagt, die vergeben eben die Zeugnisse so spät. Und doch sieht es anderswo, ich glaube es ist Sachsen-Anhalt, anders aus. Die sagen: Gut, dass Du fertig wirst, wir haben eine Stelle für Dich – das Abschlusszeugnis kannst Du nachreichen.


Mohring: 

Derzeit herrscht ein knallharter Wettbewerb unter den Bundesländern.

Busch: 

Nicht nur zwischen den deutschen Bundesländern! Die Österreicher und die Schweizer, also im Grunde der ganze deutschsprachige Raum, wirbt sich gegenseitig Lehrer ab. Viele Thüringer arbeiten mittlerweile als Lehrer in der Schweiz. Sachsen-Anhalt bezahlt seine Regelschullehrer deshalb längst besser. Da sagt natürlich der eine oder andere: Das ist interessant für mich, da bleibe ich gleich dort.

Mohring: 

Bei der Besoldung sind die Länder benachteiligt, die ohnehin wenig Geld haben und auch an dieser Stelle sparen müssen, um über die Runden zu kommen. Die derzeit außergewöhnlich hohen Einnahmen des Fiskus täuschen darüber nur hinweg. Was wir jetzt brauchen, ist eine Jobgarantie für die besten Absolventen. 


Die mögliche Verbeamtung von Lehrern spielt eine große Rolle in der öffentlichen Diskussion. Wie stehen Sie dazu?

Busch: 

Ich gehe davon aus, dass das Land Thüringen nicht mehr drum herumkommt. Fast alle Länder verbeamten nun mal. Zwar kann man grundsätzlich durchaus die Frage stellen, ob eine Verbeamtung der Lehrer wirklich dringend nötig ist. Aber Insellösungen funktionieren nicht. Und es gibt natürlich auch jenseits des Wettbewerb-Arguments gute Gründe für eine Verbeamtung. Wer verbeamtet ist, muss loyal zu unserer Verfassung stehen und kann sanktioniert werden, wenn er sich anders verhält. Lehrer haben eine hohe Verantwortung. Nicht vor einer Partei oder vor dem Staat, sondern vor der Gesellschaft.

Mohring: 

Die Attraktivität des Lehrerberufes hängt aus meiner Sicht ganz stark davon ab, ob man den jungen Leuten unbefristete Vollzeitstellen anbieten kann. Und – ergänzend – auch, dass sie verbeamtet werden. Aber das ist nicht der Hauptgrund, warum junge Leute diesen Beruf ergreifen. Aus der Perspektive der Politik muss, so sieht es jedenfalls meine Fraktion, der vermeintliche fiskalische Vorteil durch die Verbeamtung im Haushalt transparent dargestellt werden. Dazu müssen vom ersten Tag der Verbeamtung an die Pensionsrückstellungen gebildet und sichergestellt werden, dass in 30-40 Jahren das Geld dafür da ist. Und es muss verhindert werden, dass kommende Landesregierungen das zurückgelegte Geld für andere Dinge verwenden können.

Busch: 

Da ist der Lehrerverband ganz bei der CDU-Fraktion, denn das liegt in unserem eigenen Interesse. Die Verbeamtung durchzusetzen unter dem Motto „nach uns die Sintflut“ wäre unseriös. Mindestens ebenso heiß diskutiert werden derzeit die Pläne der Landesregierung, ein inklusives Schulgesetz einzuführen.

Wie steht der Lehrerverband dazu?

Busch: Aus meiner Sicht liegt das größte Problem darin, dass die Landesregierung den dritten Schritt vor dem ersten geht. So lange die Eltern nicht davon überzeugt sind, dass der gemeinsame Unterricht der bessere, auch entsprechend ausgestattete Weg ist, so lange brauchen wir die Förderschulen. Momentan wird aber gegen den Willen von Eltern und Lehrern an deren Abschaffung gearbeitet. Das ist der falsche Weg. Inklusion darf keine Verlierer haben.

14.02.2017 | Mohring trifft: Rolf Busch (tlv)

Herr Mohring, wie sehen Sie das? Was ist der richtige Weg, um Schüler mit Förderbedarf optimal zu beschulen?

Mohring: 

Entscheidend ist, alles mit Maß und Mitte zu organisieren. Rot- Rot-Grün übersteuert die Idee der Inklusion. Es wird immer Kinder mit einem individuellen Betreuungsbedarf geben, den eine Grund- oder Regelschule nicht absichern kann. Kindern mit einem solchen Handicap tue ich damit genausowenig einen Gefallen wie ihren Mitschülern und den Pädagogen. Mehr Inklusion an den Grundschulen ist natürlich möglich, solange mit Augenmaß vorgegangen wird, und nicht in einem Hau-Ruck-Verfahren. Wenn die Ideologie vor die Interessen des Kindes gesetzt wird, wie es derzeit passiert, läuft etwas falsch. Busch: Momentan bleiben viele Schüler auf der Strecke, sonst wäre auch der Protest gegen die Absichten der Landesregierung nicht so groß. So kann Inklusion nicht gelingen. Wir hoffen, dass der Widerstand da ein Stück weit ein Umdenken einleitet, aber das wird man erst sehen, wenn ein Gesetzentwurf vorliegt.

Mohring: 

Viele spüren, dass die Landesregierung den falschen Weg eingeschlagen hat. Ich war jetzt wieder in ein paar Grundschulen zum Vorlesen. Auch da gab es Kinder mit besonders hohem Betreuungsbedarf. Da kann selbst die Eins-zu-Eins-Betreuung durch eine zweite Fachkraft nicht verhindern, dass eine Parallelwelt in der Klasse entsteht. Wer das als gelungene Inklusion verkauft, lügt sich in die eigene Tasche. Deswegen ist für meine Fraktion klar: Die Förderschulen müssen erhalten werden, damit der Wechsel von der Förderschule in eine Grund- oder Regelschule genauso möglich bleibt, wie der umgekehrte Weg.

Busch: 

Eines ist klar: Die Förderschulen abzuschaffen, ist kein Sparmodell, im Gegenteil. Für Thüringen bedeutet das nach unseren Berechnungen 600 zusätzliche Sonderpädagogen, um die Beschulung an allgemeinen Schulen zu gewährleisten. Aber wir kriegen ja noch nicht einmal die, die wir noch nachträglich einstellen wollen.