Bundesgesundheitsminister im Interview

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Deutschland ist bisher gut durch die Krise gekommen. Was sehen Sie als wesentliche Faktoren dafür?

Deutschland ist bisher im internationalen Vergleich sehr gut durch die Pandemie gekommen. Das hat mehrere Gründe. Wir hatten das Glück, Zeit zu haben und uns auf die Epidemie vorbereiten zu können. Wir haben ein gutes Gesundheitssystem, ausreichend Intensivbetten und viele Labore zur Auswertung der Tests. Wir haben entschlossen gehandelt, als es darum ging, Intensivbetten frei zu räumen, mehr Tests möglich zu machen und das öffentliche Leben zum Schutz der Gesundheit unserer Bevölkerung runterzufahren. Und die große Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger hat den Ernst der Situation erkannt und wollte mithelfen. Wir haben zusammengehalten.

Halten Sie die Maskenpflicht nach wie vor für sinnvoll?

Ja, der Meinung bin ich. Auch wenn ich sehr gut den Wunsch vieler verstehen kann, wieder ohne Masken einkaufen zu gehen oder Bus zu fahren. Aber genau darum geht es. In geschlossenen Räumen, dort, wo wir nicht gut den Mindestabstand einhalten können, können Alltagsmasken einen Unterschied machen, um sich und vor allem andere zu schützen. Deswegen ist die Alltagsmaske weiterhin wichtig. Und ich habe den Eindruck, dass viele Menschen das mittragen.

Immer wieder wird vor einer „zweiten Welle“ gewarnt. Auf welcher wissenschaftlichen Grundlage geschieht das?

Das Virus ist noch da. Das sehen wir je-den Tag an den vielen lokalen und regionalen Ausbrüchen. Auch wenn die konkrete Gefahr einer Infektion im eigenen direkten Umfeld zurückgeht. Die Frage ist: Kommt noch mal ein größerer Ausbruch? Ein weiterer Ausbruch würde uns jedenfalls nicht unvorbereitet treffen. Wir haben uns darauf eingestellt. Wir würden ihn kommen sehen.  Das kann niemand mit Sicherheit sagen,  auch nicht die Wissenschaft. 

Was erwarten Sie mit Blick auf das zweite Halbjahr? Wo muss Deutschland noch besser werden, um weiter gut durch die Corona-Krise zu kommen?

Wir haben in den letzten Monaten neue Erkennt-nisse gesammelt und auf dieser Grundlage Ent-scheidungen getroffen. Bei der Versorgung mit Schutzausrüstung stehen wir besser da, weil wir für inländische Produktion sorgen und Reserven anlegen können. Ebenso konnten wir bei Arzneimitteln Vorsorge treffen, und wir haben die Testkapazitäten hochgefahren. Unsere Ärztinnen und Ärzte wissen heute mehr über eine gezielte Behandlung der Krankheit, und die Krankenhäuser sind besser auf die Behandlung schwerer Krankheitsverläufe eingerichtet.

Wir haben unter hohen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und persönlichen Kosten viel erreicht. Die nächsten Monate werden zeigen, ob wir den schwierigsten Teil der Pandemie wirklich hinter uns haben. Wichtig ist, dass wir weiter auf einander achtgeben. 

Noch immer gibt es kaum verlässliche Studien zu Ansteckungsgefahr und Mortalitätsraten. Insbesondere hinsichtlich der tatsächlichen Todesursache von Verstorbenen, bei denen eine Corona-Infektion nachgewiesen wurde, gibt es viele Fragezeichen. Stochern wir mit unseren Schutzmaßnahmen und Restriktionen am Ende doch nur im Nebel?

Wir können immer nur auf Basis des aktuellen Wissensstand entscheiden. Das ist manchmal schwierig. Denn es gibt in der Tat immer noch offene Fragen. Etwa wann und für wie lange nach einer Infektion Immunität besteht. Oder welche Vorerkrankungen ein besonders hohes Risiko für den schweren Verlauf einer Corona-Erkran-kung bedeuten. Viele Fragen können die Wissenschaftler erst nach und nach beantworten. Mit dieser Unsicherheit muss Politik umgehen. Nicht zu handeln ist keine Option.


WER IST JENS SPAHN?

Jens Spahn ist am 16. Mai 1980 in Ahaus (NRW) geboren und hat dort auch Abitur gemacht. Von 1999 bis 2001 absolvierte Spahn eine Ausbildung als Bankkaufmann; danach studierte er Rechts- und Politikwissenschaften mit dem Abschluss Master. 1997 ist er in die CDU eingetreten, seit 2002 gehört Spahn dem Deutschen Bundestag an. Von 2015 bis 2018 war er Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, seit 2018 ist Spahn Bundesgesundheitsminister.