„Wir brauchen mehr Personal“

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Hauptkommissar Tobias Reinz*, ist seit einem Vierteljahrhundert Polizeibeamter. Der Mittvierziger ist stellvertretender Schichtleiter einer Thüringer Polizeiinspektion. Er teilt die Besatzungen ein und vergibt die Einsätze in seinem Landkreis. Während sich bei vielen Menschen die Stimmung aufhellt, sobald die Tage wieder länger werden, bricht für Reinz nun wieder einmal der schwierige Teil des Jahres an.

Hauptkommissar Tobias Reinz*, ist seit einem Vierteljahrhundert Polizeibeamter. Der Mittvierziger ist stellvertretender Schichtleiter einer Thüringer Polizeiinspektion. Er teilt die Besatzungen ein und vergibt die Einsätze in seinem Landkreis. Während sich bei vielen Menschen die Stimmung aufhellt, sobald die Tage wieder länger werden, bricht für Reinz nun wieder einmal der schwierige Teil des Jahres an. Denn seit dem Beginn der Urlaubszeit an Ostern sind Schichten mit gerade mal zwei oder drei Funkstreifenwagen eher die Regel als die Ausnahme. Bis weit in den September hinein bleibt das so, klagt der Hauptkommissar.

Hier müssen die Kollegen dann gut abwägen, ob sie sich dem Risiko der Auseinandersetzung mit einer Überzahl von gewaltbereiten Kirmes-Raufbolden aussetzen oder doch lieber auf Verstärkung warten.

Tobias Reinz* Hauptkommissar

Wenn dann auch noch „viele Aufträge gleichzeitig reinkommen“, wie Reinz es formuliert, müssen Prioritäten gesetzt werden. Sobald andernorts Gefahr für Leib und Leben besteht, beispielsweise in Fällen häuslicher Gewalt, müssen die Kollegen eben von einem nicht ganz so dringlichen Einsatz abgezogen werden. Oft könne man auch nur mit einem Einsatzwagen ausrücken, obwohl schon vorher abzusehen sei, dass die Zahl der Beteiligten, zum Beispiel bei einer Kirmes-Schlägerei, eigentlich den Einsatz von mehr Beamten erfordert. „Hier müssen die Kollegen dann gut abwägen, ob sie sich dem Risiko der Auseinandersetzung mit einer Überzahl von gewaltbereiten Kirmes-Raufbolden aussetzen oder doch lieber auf Verstärkung warten“, erklärt der Polizist.

Grundsätzlich unterscheidet Reinz zwischen zwei Kategorien von Bürgern: Die, die einmal im Leben die Polizei brauchen, und die, die ständig anrufen und so längere Wartezeiten für alle verursachen. „Das ist wie mit einem Krankenwagen, der zu spät zu einem Patienten mit Herzinfarkt kommt, weil er mit dem Herumkutschen eines Betrunkenen beschäftigt ist“, so Reinz‘ Vergleich.

Dass die Polizei in Thüringen regelmäßig am Limit ist, liegt aber auch daran, dass die Beamten oftmals für Ämter und Behörden einspringen müssen, die kein 24-Stunden-Schichtsystem kennen. „Die Bürger rufen oft zuerst bei uns an, wenn sie ein Problem haben. Sei es bei psychischen Krankheiten, Schwierigkeiten mit Kindern und Jugendlichen oder Arbeitsunfällen – selbst wenn dann eigentlich das Jugendamt oder das Amt für Arbeitsschutz zuständig wären“, berichtet Reinz von der zeitraubenden Stellvertreterfunktion der Polizei.

Überhaupt sind es die „Nebentätigkeiten“, die den Beamten viel Zeit rauben: Die Begleitung von Schwertransporten, das Ausrücken zu Kleinunfällen, das Schreiben von Berichten. Alles, was über Einsätze aus akutem Anlass hinausgeht, muss dann im Zweifel sowieso warten. Den sogenannten „Kontrolldelikten“ kann nur nachgegangen werden, wenn Zeit ist. Was so viel bedeutet wie: Wenn das Personal mal wieder nicht reicht, kommen zwangsläufig ein paar Betrunkene oder unter Drogeneinfluss stehende Fahrer mehr ungeschoren davon als üblich. Reinz‘ Fazit ist eindeutig: „Wir brauchen mehr Personal. Die versprochenen 200 Leute – tatsächlich neu kommen sollen ja nur maximal 175 – reichen hinten und vorne nicht.“ 
Auswirkungen hat die Personalknappheit indirekt auch auf dringend notwendige Schulungen. „Die Weiterbildung bei der Thüringer Polizei ist aus meiner Sicht mangelhaft“, so das knappe Urteil des Hauptkommissars 

  • von einer adäquaten Vorbereitung auf aktuelle Gefahrensituationen, beispielsweise durch Anschläge mit islamistischem Hintergrund, ganz zu schweigen: „Wir sind ungenügend vorbereitet auf mögliche Terrorlagen. In Sachen Ausbildung hat da bis jetzt so gut wie nichts stattgefunden, da sind andere Bundesländer deutlich weiter, während Thüringen noch an einem effektiven Handlungskonzept arbeitet
  • an Ausbildung ist da noch nicht mal zu denken.“

*Name von der Redaktion geändert