Es war im Sommer 2013, halb eins in der Nacht, als sich das Leben der Familie Scheufler von Grund auf änderte. „Wir dachten, der Krieg bricht aus. Es war, wie wenn ein Panzerzug anrollen würde, alles war taghell erleuchtet“, erinnert sich Uta Scheufler an den Moment, als sie und ihr Mann Christoph aufrecht im Bett saßen, während der erste Schwerlasttransport mit ohrenbetäubendem Lärm an ihrem Haus vorbeipolterte. Viele weitere schlaflose Nächte sollten folgen. Seit dieser Zeit stehen vier 130 Meter hohe Windräder quasi in ihrem Vorgarten – ein Abstand von nicht einmal 500 Metern zur Wohnbebauung gilt anderswo, beispielsweise im nur wenige Fahrminuten südlich gelegenen Bayern, als nicht genehmigungsfähig. Doch selbst hier, im „Niemandsland“ des sächsisch-thüringischen Grenzgebiets, sollten solche geringen Abstände eigentlich nicht möglich sein – doch diese Regeln sind biegsam, eine entsprechende Anpassung an die bürgerfreundlicheren Vorschriften in Bayern wussten Windkraft-begeisterte Landesregierungen, wie auch die rot-rot-grüne in Thüringen, zu verhindern.


„Wir wurden nicht gefragt, nicht gewarnt“, ist Uta Scheufler heute noch fassungslos über das, was damals so unvermittelt über ihre Familie, ihren Hof und Grund hereinbrach. Die Scheuflers bewohnen einen Bauernhof, seit 1923 im Familienbesitz, am Rande des Vogtland-Städtchens Pausa. Ab 1952 gehörte Pausa zu Thüringen, 1992 wurde der Ort, der für sich in Anspruch nimmt, „am Mittelpunkt der Erde“ zu liegen, wieder sächsisch. Trotz aller Einschränkungen, die die vier stählernen Ungetüme für die Lebensqualität ihrer Familie bedeuten, legt die 57-jährige Lehrerin Wert auf die Feststellung, dass sie nichts gegen Windräder habe – nur gegen die rücksichtslose Standortwahl. Denn bei einem Abstand von nicht einmal 500 Metern, wie im Fall der Scheuflers, kann der Lärm der Rotorblätter, je nach Windrichtung, schnell unerträglich werden – gerade nachts. „Ich kann eigentlich nur mit offenem Fenster schlafen, ich brauche die frische Luft. Doch seit die Windräder in Betrieb sind, ist das nicht mehr möglich. Dabei war es hier früher totenstill“, sagt Scheufler, von der erwartet wird, dass sie jeden Morgen fit vor einer Klasse quirliger Schüler steht. Gäste berichten von einer Lärmkulisse „fast wie auf dem Flughafen in Frankfurt“; andere finden, das schnelle Schlagen klinge wie ein vorbeirauschender Güterzug. Dazu kommt, vor allem im Sommer, das Phänomen des Schlagschattens. Wenn die Sonne hinter einem der Windräder vorbeiwandert, wird es, entsprechend der Umdrehungsfrequenz der Rotorblätter, etwa 30 Mal pro Minute hell, dunkel, hell, dunkel, hell – und wieder dunkel. Ein Bekannter der Scheuflers vergleicht das mit einer international geächteten Verhörmethode, die sich genau dieses Effekts bediene.


„Geld frisst Hirn, viel Geld frisst viel Hirn.“ | Edgar Klöppner


„Korrigieren Sie da mal in Ruhe eine Klassenarbeit“, zeigt sich die 57-Jährige ratlos. Ebenfalls auf der langen Liste der Zumutungen taucht der sogenannte Eiswurf auf. Uta Scheufler sind die Kolosse aus glasfaserverstärkten Kunststoffen und Stahl ohnehin nicht geheuer, sie hält so viel Abstand, wie die Lage ihres Grundstücks es eben zulässt. Doch ein Nachbar, der die Felder um die Anlagen gerne für Spaziergänge nutzt, hat auf seinem Handy Abwürfe von riesigen Eisblöcken dokumentiert – einige der bis zu 3 Meter langen und 30 Zentimeter breiten Eisstangen schlugen direkt neben dem Feldweg ein, auf dem er immer unterwegs ist. Immerhin: Für Uta Scheuflers Hauptproblem, die schlaflosen Nächte, hat sie jetzt eine amtlich geprüfte Lösung. Sie solle doch, teilte ihr das Umweltamt telefonisch mit, einfach stärkere Fenster einbauen, Ohrenstöpsel verwenden oder das Schlafzimmer gleich ganz verlegen. Dass sie da mal nicht selbst draufgekommen ist.

Von Felix Voigt


„Die Verantwortung für die Gefahren ist nicht geklärt." | Karla Baumann


"Hier wird nach Wild-West-Methoden geplant.“ | Christine Leithold