Thüringen gilt als gut versorgt mit Hausärzten – doch auf dem Land werden die Wege schon mal lang

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Unterschriftensammlungen, Proteste, Schuldzuweisungen in Richtung der Nachbargemeinde – Unterbreizbach im tiefsten Inneren des Wartburgkreises kämpft in diesen Tagen um die einzig verbleibende Hausärztin. Die möchte ihre Praxis ins 15 Kilometer entfernte Geisa verlegen. Die Unterbreizbacher fürchten um ihre medizinische Versorgung und – ganz allgemein - auch um die Attraktivität ihres Wohnortes. Längst ist der Doktor im Ort zu einem wichtigen Standortfaktor für Thüringens Dörfer geworden – wenn man denn noch einen hat. Wenn schon Land, dann zieht es viele Mediziner in die Kreisstädte. Die klassische Landarztpraxis ist selten geworden. Nach Auskunft der Kassenärztlichen Vereinigung Thüringens praktizieren nur noch etwa drei Dutzend der rund 1400 Hausärzte in einem Dorf mit weniger als 1000 Einwohnern. Die klassische Landarztpraxis ist selten geworden. Die jüngsten Daten des Bundesarztregisters der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) zeigen, dass Deutschlands Städte ein deutlich dichteres Ärztenetz aufweisen als in ländlichen Regionen. Folgen die Ärzte also eher dem Geld als den Patienten, wie so oft gemutmaßt wird?

Ganz so einfach scheint es dann doch nicht. Das Leben in der Stadt passt besser zur Lebensplanung gerade der jungen Mediziner. Bei einer Umfrage zu den Berufserwartungen waren den angehenden Ärzten eine funktionierende Verkehrsanbindung, gute Jobaussichten für den Partner, wohnortnahe Schulen für die Kinder sowie kulturelle Freizeitangebote wichtig. Ohne eine grundsätzliche Stärkung des ländlichen Raums werden viele Absolventen der Universitäten wohl kaum für das Landleben zu begeistern sein. Das Einkommen jedenfalls spielte in der Umfrage eine untergeordnete Rolle. Damit einher geht ein Wandel in der Arbeitswelt. Flache Hierarchien, das Arbeiten im Team sowie flexible Arbeitszeiten werden jungen Menschen immer wichtiger. Auch die angestrebte Vereinbarkeit von Familie, Freizeit und Beruf sind Umfragen zufolge Bedürfnisse, die sich nur schwer mit dem Bild des Landarztes als Einzelkämpfer in Einklang bringen lassen.

Einen anderen Weg ist Bettina Lorenz gegangen. Sie praktiziert in einer Gemeinschaftspraxis im Zentrum des 4000-Seelen-Kurstädtchens Bad Liebenstein. „Der Nachwuchsmangel an Medizinern ist in der Tat ein Problem auf dem Land“, sagt sie. Auch ihre Gemeinschaftspraxis habe lange gesucht, bis eine junge Kollegin als Ersatz für den ausscheidenden Praxisgründer gefunden war. Dabei ist das Wartezimmer stets gut gefüllt. „Viele unserer Patienten sind jenseits der 65“, sagt die Fachärztin für Allgemeinmedizin. „Wer keine Angehörigen hat, ist ja gerade im Krankheitsfall auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen. Darum liegen die Praxen eben meist dort, wo noch der Linienverkehr vorbeikommt.“ Für alle anderen bietet sie Hausbesuche an. Wenigstens ein Drittel ihrer wöchentlichen Arbeitszeit verbringe sie auf der Tour über die Dörfer der Umgebung – zusammen mit einer Schwester und einem Arztköfferchen. „Als Hausarzt musst du den Patienten sehen und wissen, wie er lebt. Das geht weder über‘s Telefon noch über Videosprechstunden.“ Thüringens Bedarf an Haus- und Fachärzten bemisst sich an der Bevölkerungszahl. Könnten alle Mediziner frei wählen, wo sie sich niederlassen, würden neue Praxen vor allem in den Ballungszentren eröffnen. Damit sich Hausärzte nicht nur in den Groß-städten niederlassen, sondern auch ländliche Gebiete gut versorgt sind, bestimmt die Selbstverwaltung für 37 Planungsbereiche jeweils, wo wie viele Haus- und Fachärzte zugelassen werden. „In der Summe ist die Versorgung mit Hausärzten in Thüringen gerade noch ausreichend“, sagt Bet-tina Lorenz.

Dennoch darf die offizielle Zahl von 46,5 fehlenden Hausarztstellen in fünf Planungsbereichen nicht darüber hinwegtäuschen, dass in den entlegensten Winkeln der ländlichen Gebiete Thüringens die Wege zum Doktor recht lang werden können. Kombiniert mit unzureichenden Busverbindungen und den dünn gesäten Apotheken zwischen Gotha und Bad Langensalza oder Saalfeld und Schleiz wird die eigene Gesundheitsversorgung zu einem Ganztagsjob für manch einen Rentner. Initiativen, diesen Mangel zu beheben, gab und gibt es viele. Eine bessere Vergütung etwa. Seit 2009 gehören Thüringens Hausärzte zu den Spitzenverdienern in Deutschland. Auch Hilfen für Praxiseinrichtungen und eine Landarztquote schon im Studium sollen die ärztliche Versorgung langfristig sichern. Landarztquoten sichern Studenten Medizin-Studienplätze, selbst wenn sie keinen überragenden Abiturschnitt vorweisen können. Im Gegenzug müssen sie sich verpflichten, nach dem Examen in einer Thüringer Praxis die ersten Jahre zu praktizieren. Mecklenburg-Vorpommern etwa zahlt während des Studiums Stipendien an künftige Landärzte.

Letztlich aber ist die Entscheidung, Allgemeinmediziner zu werden, auch eine Frage der eigenen Vorlieben. Hausärztin Lorenz hatte nach dem Studium in einige Fachbereiche hineingeschnuppert. „Augenarzt ist wirklich spannend“, sagt sie. „Aber ich habe mir nicht vorstellen können, mein ganzes Berufsleben meinen Patienten nur in die Augen zu schauen.“ Sie wolle den ganzen Menschen sehen.


Von Matthias Thüsing