Forst-Reportage

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Der Bärlauch sprießt, die Buschwindröschen und die Leberblümchen blühen, eine neugierige Maus flitzt über den Waldboden. Dazwischen mischt sich etwas Schnee, der Winter hat noch einmal Kraft geschöpft für ein letztes Rückzugsgefecht auf der Hainleite. Umso mehr genießt Uli Klüßendorf die Sonnenstrahlen, die durch die Wipfel brechen, wenn er an diesem kalten Aprilmorgen durch sein Revier am Possen streift. Stets an seiner Seite: seine beiden Deutschen Bracken Fanni und Lotte.

3. Mai 2017 - Forst-Reportage in der "DruckSache"

Den Frauenschuh finden Sie nur im Nutzwald. Wer soll sich denn um den kümmern, wenn nicht wir?

Uli Klüßendorf Forstamtsleiter

Der Bärlauch sprießt, die Buschwindröschen und die Leberblümchen blühen, eine neugierige Maus flitzt über den Waldboden. Dazwischen mischt sich etwas Schnee, der Winter hat noch einmal Kraft geschöpft für ein letztes Rückzugsgefecht auf der Hainleite. Umso mehr genießt Uli Klüßendorf die Sonnenstrahlen, die durch die Wipfel brechen, wenn er an diesem kalten Aprilmorgen durch sein Revier am Possen streift. Stets an seiner Seite: seine beiden Deutschen Bracken Fanni und Lotte. So sieht sie also aus, die „Kahlschlags-Lobby“, die unentwegt „Raubbau“ an den Thüringer Wäldern betreibt, wenn man den Worten von Umweltministerin Anja Siegesmund Glauben schenkt. „Handstreichartig“ habe die Grünen-Politikerin im letzten Herbst verkündet, 25 km² seines Reviers aus der Nutzung zu nehmen: „Als ich in der Zeitung davon las, dachte ich zuerst an einen Druckfehler“, erinnert sich der Forstamtsleiter an den Tag, von dem an sein Possenwald plötzlich im Rampenlicht einer umweltpolitischen Groß-Debatte stand. Am meisten aber ärgert Klüßendorf, dass die Waldwildnis-Propagandisten die Mär von der Artenvielfalt wie eine Monstranz vor sich hertragen. Denn tatsächlich, verweist der 55-Jährige auf entsprechende Studien, ist die Artenvielfalt im Nutzwald sogar höher als in der sogenannten Waldwildnis.

Abgesehen von einigen Pilzen und speziellen Insektenarten, die Totholz bevorzugen, sind es nämlich gerade die lichten Stellen im Wald, die Raum für Biodiversität schaffen – zum Beispiel in Gestalt eines bedeutenden Frauenschuh-Vorkommens: „Den Frauenschuh finden Sie nur im Nutzwald“, betont Klüßendorf, „wer soll sich denn um den kümmern, wenn nicht wir?“. Kommt der Urwald, gibt es bald keine lichten Stellen mehr – den Orchideen wird die Lebensgrundlage entzogen. Seit über 20 Jahren engagiert sich Klüßendorfs Forstamt gemeinsam mit der Unteren Naturschutzbehörde für diverse Naturschutzprojekte. Gelegentlich sind die Waldarbeiter sogar als Orchideen-Bestäuber tätig und laufen mit einem kleinen Pinselchen von Blüte zu Blüte. Bis zu 30.000 Euro jährlich investiert das Forstamt in Naturschutz-Maßnahmen – damit der Uhu in Ruhe brüten kann und die zahlreichen Feuchtbiotope, die dem Fieberklee eine Heimat bieten, erhalten bleiben.

Gerade die Bewirtschaftung ist es also, welche die Vielfalt auf der Hainleite garantiert. „Zum Teil findet man hier sechs bis acht Baumarten auf wenigen Metern“, erklärt Klüßendorf. Drei Ahornarten, Eschen, Eichen und Kirschen, aber auch sehr seltene Baumarten wie Elsbeere, Speierling und Vogelbeere stehen neben den schon jetzt sehr häufigen Buchen, die in einem sich selbst überlassenen Possenwald bald alles dominieren würden. „Die Buche ist unheimlich vital, die wächst jedes Loch zu. Die anderen Baumarten hätten keine Chance, wenn wir sie nicht fördern würden“, erklärt der Forstamts-Chef. Trotz Bewirtschaftung steigt unter der Regie der Forstleute das Durchschnittsalter des Waldes: „Wir versuchen, die Bäume alt werden zu lassen“, erklärt Klüßendorf. Dazu werden sogenannte „Zukunftsbäume“ markiert. Insgesamt wird in seinem Revier pro Jahr immer nur auf 10 Prozent der Waldfläche Holz geerntet – und das, zumindest seit der Wende, vollkommen kahlschlagsfrei. Klüßendorf nimmt jetzt Kurs auf den Waldabschnitt, in dem gerade gearbeitet wird. Eine Maschine ist damit beschäftigt, den Waldweg wieder in Stand zu setzen, der durch die Fällarbeiten in Mitleidenschaft gezogen wurde. Doch ohne ein wirtschaftlich arbeitendes Forstamt, das sich um die Wege kümmert, wären die Wanderer aufgeschmissen. „Wenn wir keine Einnahmen mehr haben, werden wir auch die Wanderwege nicht erhalten können“, warnt Klüßendorf. Mit weiteren 25 km² Waldwildnis wäre das Forstamt nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben, bedeuten sie doch einen Verzicht auf jährlich 12.000 Festmeter Holz und somit Einnahmen von 600.000 Euro.

Allein im Forstamt Sondershausen wären 10 Stellen gefährdet, ganz zu schweigen von den vielen Arbeitsplätzen in der Verwertungskette: vom Waldarbeiter, Holzrücker, Transporteur und Holzhändler bis hin zu all denen, die sich um die Veredelung des „Produkts Holz“ kümmern: Sägewerker, Tischler, Zimmerer und Treppenbauer. „100 Festmeter Holz sind in Thüringen ein Arbeitsplatz“, rechnet Klüßendorf vor. Das Waldstück, in dem die Fällarbeiten stattfinden, hat Klüßendorf mittlerweile verlassen, längst wird die Waldesruhe nur noch von Vogelgezwitscher durchbrochen, da kommt der Forstamtsleiter noch einmal auf den Kahlschlags-Vorwurf zurück, der sichtlich an ihm nagt. „Ich frage mich manchmal, ob es den Leuten lieber wäre, wenn wir Holz aus Sibirien importieren, wo riesige Flächen abgeholzt werden und nachhaltige Forstwirtschaft ein Fremdwort ist. Diese Debatte ist sowas von verlogen“, sagt er – und verschwindet mit Fanni und Lotte hinter ein paar Buchen.

Von Felix Voigt